Emil Josef Diemer

Von GM Hans Ree Niederlande


Erschienen im Kaissiber 3
Juli-September 1997 Seite 42/43


Wer der Ansicht ist, daß Schachspieler närrisch sind, wird durch Studium des Lebens von Emil Josef Diemer nicht auf andere Gedanken kommen.

Diemer wird 1908 im deutschen Radolfzell (Baden) geboren. Er war als Junge ein leidenschaftlicher Schachspieler, aber es dauerte bis 1932, daß zum ersten Mal eine Partie von ihm veröffentlicht wird. Bis 1956 war dergrößte Erfolg, dessen er sich rühmenkann, ein Sieg in der Schnellschachmeisterschaft von Baden. In seinen besten Zeiten würde er ein mäßiger Meister genannt werden können.

Sehr stark war Diemer nicht. Doch hatte er in den fünfziger und sechzigerJahren eine Schar Anhänger, in Deutschland und auch in den Niederlanden. Er war der Prophet des wüsten Angriffsspiels. "Spielt Blackmar-Diemer-Gambit, und das Matt kommt von selbst!" schrieb er. "Das Blackmar-Diemer-Gambit verändert den ganzen Menschen!" Er meinte das.

Dieses Jahr erschien im Verlag Manfred Mädler eine Biographie von Diemer, verfaßt von einem seiner treuesten Anhänger, Georg Studier: EmilJoseph Diemer. Ein Leben für das Schach im Spiegel der Zeiten.1 Eine Biographie von 280 Seiten. Es gibt Weltmeister, die darauf noch warten.

Studier hegt große Bewunderung und Sympathie Ihr Diemer. Einen ungewöhnlich genialen Menschen nennt er ihn. Die Simultantourneen, welche Diemer gab, werden als Triumphzüge beschrieben. Ein "Heiligenleben" ist das Buch aber nicht geworden, denn es hat zuviel Abstoßendes im Leben von Diemer gegeben, was Studier nicht verschweigen konnte und wollte.

1931 war Diemer arbeitslos. Er hatte einen Job bei einem Verlag gehabt, aber er war nicht geeignet für eine Stelle. Er wurde Mitglied bei der NSDAP, wonach ihn sein Vater noch am selben Tag aus dem Haus warf.



Für sich selbst sorgen konnte Diemer nie gut, aber als Nazi ging es doch etwas bequemer. Nicht daß er aus Opportunismus Mitglied der Partei geworden wäre. Er war ein Fanatiker, in allem, was er tat. Ein heftiger Propagandist zu der Zeit, die die Nazis so romantisch die "Kampfzeit" nannten, die Jahre vor der Machtübernahme. Durch seine neuen Freunde konnte Diemer Berufsschachspieler werden. Er wurde der "Schachreporter des Großdeutschen Reichs", war bei allen großen internationalen Schachereignissen anwesend und sang in den Naziblättern das Lob des Kampfschachs. Viel Geld verdiente er nicht damit, obendrein war er abhängig von begüterten Bewunderern, die ihm ab und zu etwas zusteckten.

Nach dem Krieg wird es mühsamer. Diemer schreibt für eine Anzahl Zeitschriften, verkauft Schachbücher, gibt Simultanvorstellungen, aber er leidet Hunger. Er war einfach nicht stark genug, um ein Schach-Berufsspieler zu sein.

Und 1953 verlor er einen wesentlichen Teil seiner Einkünfte, indem er aus dem Deutschen Schachbund ausgeschlossen wird. Diemer hatte Funktionäre des Bundes in einer rabiaten Pressekampagne der Homosexualität und des Verderbens der Jugend beschuldigt. Homosexualität war ein großes Übel für Diemer, der nach eigenem Bekunden in seinem Leben nie eine Frau körperlich geliebt hat. Rauchen und Trinken tat er auch nicht, er spielte Schach.

Er hatte keinen Erfolg, aber er hatte Anhänger, die leidenschaftlich über die Vorzüge des Blackmar-Diemer-Gambits polemisierten, 1. d4 d5 2. e4 dxe4 3. 5c3 Sf6 4. f3. Ein Jahr lang, von 1955 bis 1956, gab Diemer eine eigene Zeitschrift heraus, Die Black-mar-Gemeinde 3, die aufgegeben werden muß, als die Gläubiger ungeduldig werden. Er bombardierte jeden, der in der Schachwelt etwas vorstellte, mit Briefen mit Analysen über sein Gambit. Er fand Gehör, auch in den Niederlanden, wo der Amsterdamer Verlag Ten Have Diemers einziges Buch herausbrachte, Vom ersten Zug an auf Matt 3.

In den Niederlanden erzielte Diemer 1956 endlich zwei hübsche Erfolge. Er gewann die Reservegruppe des Hoogoven-Turniers und später die Offene Meisterschaft der Niederlande. Im selben Jahr wurde er in der Meisterschaft der Schweiz (er war Mitglied eines Schweizer Klubs geworden) geteilter Zweiter. Erfolge, die sich nicht wiederholen sollten. Nach einem schlecht verlaufenen Turnier in England entdeckte Diemer in einer deutschen Frauenzeitschrift die Ursache seines Scheiterns. Es lag am Biorhythmus. Danach bombardierte er seine Schachfreunde mit biorhythmischen Berechnungen und Grafiken. Und er entdeckte Nostradamus, den französischen Seher. In einer Zeitspanne von 25 Jahren verschickte er rund 10.000 Nostradamus-Briefe. Nicht nachvollziehbare Berechnungen standen darin. Er hatte mit einem einfachen System, a = 1, b = 2 usw. den Code des großen Sehers gefunden. Selbst wohlmeinende Freunde fanden es befremdend, daß der Code nun gerade in der deutschen Übersetzung verborgen stecken sollte, statt in dem ursprünglichen französischen Text.

Nostradamus begann sein Leben zu beherrschen, mehr noch als das Schach. Er hielt Vorübergehende auf der Straße an. Er störte ein Begräbnis durch lautes Rufen: "Hier wird ein Lebender begraben!" Er jammerte, daß der Rhein austrocknen werde und daß Atombomben auf Heidelberg fallen würden. Behörden fürchteten das Klingelndes Telefons, denn oft war es Diemer, der eine Apokalypse voraussah.

1965 wurde erin eine psychiatrische Klinik aufgenommen. Der Direktor kam zum Schluß, daß das Schachspiel Diemers Nerven zuviel belastet hatte, und verbot ihm das Spielen.

Ein Wunder geschieht sechs Jahre später. Ein junger Bewunderer weiß es 1971 zu bewerkstelligen, daß sowohl das Schachverbot des Klinikleiters als auch der Ausschluß von 1953 aufgehoben werden, daß Diemer wieder Mitglied in einem Verein werden kann und daß das erste Brett für ihn frei ist. Diemer kriegt das neue Gebiß, das ihm schon 1952 durch einen reichen Bewunderer versprochen war. Er spielte wieder Schach und sein Brett war allzeit umringt von Jüngern, die von seinem Angriffsspiel entzückt waren.



Er war weniger stark als früher, aber das plagte ihn nicht. Er werde wohl noch einer der stärksten Spieler der Welt werden, sagte er, aber wichtiger für ihn war der Nobelpreis, den er für seine Nostradamus-Verkündigung erwartete. Im Jahr 1990 starb er. Die letzten fünf Jahre hatte er nicht mehr Schach gespielt, erkonnte es nicht mehr. In Fußbach, wo sein Pflegeheim war, sahen die Dorfbewohner ihn durch die Straßen schlurfen,lang und spindeldürr, mit Prophetenbart und halb blind, und sie hatten Respekt vor Diemer, denn gerüchteweise hatten sie vernommen, er sei früher ein großer Schachspielergewesen, vielleicht gar der größte Schachspieler, der je gelebt hatte.

Das war er sicher nicht, aber ein besonderer Schachspieler war er in seiner krassen Einseitigkeit ja doch. Sehen Sie seine letzte Turnierpartie von 1984, und staunen Sie.


Partie interaktiv nachspielen


DIEMER - HEILING
Pirc-Ufimzew-Verteidigung
(B07 o PU8.1)
Nürnberg 1984 (Open)

1.d4 Sf6 2. f3 d6 3. e4 g6 4. g4 Lg7
5. g5 Sfd7 6. f4 c5 7. d5 b5 8. c3 a6
9. h4 Sb6 10. h5 e6 11. h6 Lf8 12. a4 exd5
13.a5 S6d7 14.exd5 Le7 l5.c4 f6
16. cxb5 fxg6 17. f5



Siebzehn Bauernzüge nacheinander, wahrscheinlich ein Weltrekord.
17. ...gxf5 18. Dh5+ Kf8 19. Sf3 Tg8
20. b6 Lb7 21. Sc3 Sf6 22. Sxg5 Sxh5
23. Se6+ Ke8 24. Sxd8 Sg3 25. Sxb7
Sxhl 26. Lf4 Tg6 27. 0-0-0 Sf2 28. Tel
Kd7 29. Sb5 Se4 30. Txe4 Tgl 31. Tel
Txfl 32. Txfl axb5 33. Tgl Kc8
34.Sxd6+ Lxd6 35. Lxd6 Sd7 36.Tg8+ Kb7
37. Tg7 Kc8 38. Txh7 Txa5 39. b7+
Kxb7 40. Txd7+ Kc8 41. h7 Ta1+ 42.
Kc2 Kxd7 43. h8D Kxd6 44. Dd8+ Ke5
45. d6 Schwarz gab auf.


(Dieser Beitrag erschien zuerst in holländischer Sprache am 28. November 1996 im NRCHandelsblad.)

1. Georg Studier: Emil Joseph Diemer. Ein Leben für das Schach im Spiegel seiner Zeit. Schachverlag Manfred Mädler, Dresden 1996. ISBN 3-925691-18-9. - Im Anschluß an den Hauptteil folgen auf Seite 224 bis 279 noch 56 kommentierte Partien, davon 46 Partien Diemers.

2. E. J. Diemer: Die Blackmar-Gemeinde. Eigenverlag d. Autors, 1955/56.-Der Umfang betrug 49l Schreibmaschinen-Seiten.

3. Später neu aufgelegt als Das moderne Blackmar-Diemer-Gambit, Band 1, im Verlag Rudi Schmaus, Heidelberg 1976 (bis heute vier Auflagen).

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